Group CEO · Giesecke+Devrient · Präsident Bitkom
„Viele wissen gerade nicht, wohin das Land will – weil es keinen Nordstern gibt."
Zum LinkedIn-Beitrag dieser FolgeBevor Ralf Wintergerst in die Wirtschaft ging, war er mehrfacher Deutscher Meister im Karate. Heute führt er als Group CEO Giesecke+Devrient – ein über 170 Jahre altes Familienunternehmen, das vom klassischen Banknotendrucker zum globalen SecurityTech-Konzern geworden ist – und ist zugleich Präsident des Digitalverbands Bitkom. Im Gespräch mit Bastian Lopez Estrada erzählt er, warum der Wechsel vom Einzelkampf ins Unternehmen bedeutet, wieder als Anfänger zu beginnen, und wie G+D nach einer harten Restrukturierung mit zehn Prozent Stellenabbau einen „Nordstern" gebaut hat, an den anfangs kaum jemand glaubte. Dazu: warum er dasselbe für Deutschland fordert und fünf statt einem Prozent Wachstum für machbar hält, weshalb Vertrauen der größte Wettbewerbsvorteil gegenüber den USA und China ist, warum Bargeld trotz aller Digitalisierung nicht verschwindet – der Auftragsbestand ist so hoch wie nie – und wo KI in Unternehmen wirklich etwas verändert. Und am Ende: der Sandsack im Keller.
„Man muss hart restrukturieren und gleichzeitig einen Nordstern aufbauen. Denn was bleibt denn den Leuten, die in der Restrukturierung stehen? Die wissen ja nicht, was als Nächstes kommt."
— Dr. Ralf Wintergerst
Wintergerst war mehrfacher Deutscher Meister im Karate, bevor er in die Wirtschaft wechselte. Der größte Unterschied zwischen beiden Welten ist für ihn nicht die Härte, sondern die Zahl der Beteiligten: „Im Kampfsport ist es zunächst die Auseinandersetzung mit sich selber. In einem Unternehmen ist das immer ein Team." Jagen, verteidigen, entwickeln, denken – alles im Team. Und der Übergang bedeutet, wieder ganz unten anzufangen: Regeln lernen, Routinen verstehen, auch die ungeschriebenen. Seine Analogie sind die Farbgürtel – nach dem Schwarzgurt ist nicht Schluss, da beginnen erst die Meisterprüfungen. „Jeder Job ist neu. Jeder Job hat eine andere Anforderung."
Vor rund zehn Jahren stand G+D vor einer schweren Restrukturierung mit zehn Prozent Stellenabbau. Der Grund: In den guten Jahren nach 2008 wurde in Dinge investiert, die keinen Return brachten – und zu spät gestoppt. Die Lehre daraus ist für Wintergerst die wichtigste Führungsübung überhaupt: gleichzeitig hart sanieren und einen Punkt am Horizont definieren, auf den alle zugehen können. Als er das Ziel formulierte, hieß es intern: „Der spinnt ja, lass ihn mal träumen." Der Nordstern sei keine Zielmarke, sondern eine Richtung – wie bei einer Bergbesteigung geht der Weg nicht geradeaus, man korrigiert in Etappen und behält sich so die unternehmerische Freiheit, weiter zu investieren. Dazu gehören jährliche „Fitnessprogramme", die niemand mag: lieber viele kleine Maßnahmen als irgendwann wieder eine große. „Wir machen sie, weil wir nicht mehr in eine Situation kommen wollen, wo wir eine große Maßnahme machen müssen."
Was Wintergerst für G+D beschreibt, überträgt er direkt auf das Land: Es fehle die gemeinsame Richtung. Die USA hätten enorme Kapitalkraft, China Tempo und deutlich leichtere Regulierung – „Deutschland und Europa überreguliert sich." Aber: „Auf die USA können wir uns heutzutage nicht wirklich verlassen. Bei China wissen wir nicht so genau, wo wir dran sind – aber euch vertrauen wir." Genau dieses Vertrauen sei der Vorteil, den die deutsche Wirtschaft ausspielen müsse, und die Politik solle sich dafür an manchen Stellen zurücknehmen. Sein Anspruch: fünf Prozent Wachstum statt einem – möglich über weniger Regulierung, mutigere Steuerpolitik und steuerlich belohnte Startup-Investitionen. Dazu ein gesellschaftlicher Appell: Der Individualismus der letzten Jahrzehnte habe den Blick fürs Gemeinwohl verstellt – „dienen heißt nicht immer, Dinge gegen Geld zu machen, sondern freiwillig ohne Eigennutz."
Die deutsche Bargelddebatte hält Wintergerst für sehr lokal geprägt. Weltweit haben Milliarden Menschen kein Bankkonto und damit keinen Zugang zu digitalem Bezahlen; Bargeld ist ihre einzige Referenz für Transaktionen. Dazu kommt der Resilienzfall: Wird der digitale Stecker gezogen, kommen Bundesbank oder Federal Reserve mit Lastern voll Bargeld zur Notversorgung – so geschehen nach 9/11 und nach der Flutkatastrophe im Ahrtal. „Wenn es dieses Mittel nicht mehr gibt, gibt's auch keine andere Variante mehr." Auch das Klischee vom vollständig digitalen China hält er für falsch: in den Landprovinzen sieht es anders aus, und auf den 7.000 Inseln der Philippinen erst recht. Selbst Schweden legt eine neue Kronen-Serie auf. G+D verzeichnet aktuell den höchsten Auftragsbestand für die Herstellung von Geld in der Firmengeschichte. Sein Fazit: Bargeld, physische Ausweissysteme und digitales Bezahlen wachsen als Ökosystem parallel.
Aus der Bitkom-Perspektive vermisst Wintergerst kein Problembewusstsein: Über die Verbandsstudien lässt sich belegen, dass praktisch alle Unternehmen in Deutschland erkannt haben, dass an KI kein Weg vorbeiführt. Die Implementierung hinkt hinterher – was er für normal hält, denn KI einzuführen ist deutlich komplexer, als damals ein Faxgerät einzuführen: Es geht an gewachsene Prozesse, Workflows und SAP-Systeme. Wichtig ist ihm die Unterscheidung zwischen zwei parallelen Aufgaben: Jeder Einzelne muss lernen, wie KI im eigenen Job hilft – und die Unternehmensleitung muss die andere Frage stellen. „Es geht ja nicht nur um Optimierung. Wie kann ich denn Dinge vollständig anders machen?" Sein Beispiel sind eigene Agenten in der Softwareentwicklung, mit denen aus vier Jahren Entwicklungszeit zwei werden. Auch hier sieht er eine Zweiteilung: Einige machen wahnsinnig schnelle Fortschritte, andere sind langsam – weil die Umstellung Energie, Zeit, Weiterbildung und Geld kostet.
Dr. Ralf Wintergerst, geboren 1962 in Neukirchen-Vluyn, führt seit 2016 als Vorsitzender der Geschäftsführung und Group CEO die Giesecke+Devrient-Gruppe. Vor seiner Laufbahn in der Wirtschaft war er Leistungssportler im Karate: mehrfacher Deutscher Meister und 1990 Europameister mit der Mannschaft. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre kam er 1998 zu G+D, übernahm 2006 die Leitung der Division Banknote Processing und wurde 2013 Mitglied der Geschäftsführung. Berufsbegleitend absolvierte er an der LMU München den Executive-Masterstudiengang „Politik, Philosophie, Wirtschaft" und promovierte 2021 an der Fakultät für Philosophie mit einer Arbeit zur Ethik der Corporate Governance. Seit Juni 2023 ist er Präsident des Digitalverbands Bitkom, dem inzwischen mehr als 2.300 Mitgliedsunternehmen angehören; außerdem ist er Aufsichtsratsvorsitzender der secunet Security Networks AG und Verwaltungsratspräsident der netcetera AG. Giesecke+Devrient wurde 1852 in Leipzig gegründet, ist bis heute in Familienbesitz und beschäftigt weltweit über 14.500 Mitarbeitende in den Bereichen Digital Security, Financial Platforms und Currency Technology.